Viel Spaß mit "Wortsalat-Gedichten"


Artikel der Rheinzeitung (von Ulrike Bletzer) über die Lesung "Schnipselpoesie" mit Gisela Ott-Bodinet bei "Lyrik in der Salonstube" am 12.11.2018 Bad Ems.

 

"Was ist das denn für eine Lesung?", fragt eine Teilnehmerin verdutzt. Und in der Tat: Eine hausgemachte, herzhafte Suppe als Prolog, Wasser und süffige Weine als Begleitmusik – wo gibt’s denn so was? Na, bei Wortrausch Kulturpuls. Genauer gesagt

bei "Lyrik in der Salonstube", einer Veranstaltung, zu der Chris Blomen-Pfaff und

Andreas Seger, die beiden Köpfe hinter dem Schreibinstitut Wortrausch Kulturpuls, einmal im Monat in ihr privates Reich in die Bad Emser Römerstraße einladen. Dort, in dem mit einer prachtvollen alten Holzdecke ausgestatteten literarischen Salon, in dem sich bis vor einigen Jahren das Wartezimmer des Internisten Dr. Raimund Ferdinand befand, ist der kulinarische Einstieg ins kulturelle Geschehen längst Kult. Erst wird getafelt, dann gedichtet, so das Prinzip – oder besser gesagt, dem zugehört, was beim Dichten herauskommt. Mal präsentieren bei "Lyrik in der Salonstube" die Teil-nehmer der Kulturpulskurse und -Workshops ihre Resultate, mal dreht sich alles um eine Buchveröffentlichung. Wobei sich beides, wie dieser Abend beweist, tadellos überschneiden kann:

 

Kursteilnehmerin Gisela Ott-Bodinet stellt ihr zweites, im Verlag Wortlausch Kulturpuls erschienenes Buch "federleichte Elefanten. Schnipselpoesie" vor. Federleichte Elefanten? Was Literaturwissenschaftler ein Oxymoron, sprich einen sprachlichen Widerspruch in sich nennen, bringt zugleich auf den Punkt, was Gisela Ott-Bodinet meint, als sie erzählt, sie habe schon immer ein Faible für Absurditäten und deshalb Spaß an den Lautgedichten der Dadaisten gehabt, die keinen, zumindest keinen offensichtlich zutage tretenden Sinn besitzen, im Leser oder Zuhörer aber dennoch starke Emotionen wecken können.  

 

Lautgedichte sind es indes nicht, die das Herzstück ihres Buches bilden. Eher "Wortsalat-Gedichte", deren Entstehung allerdings in genauso hohem Maß dem Zufall überlassen zu sein scheint. Die Taktik bei der sogenannten Cutup- oder Schnitttechnik, mit der sich Gisela Ott-Bodinet in einer unter anderem durch den US-amerikanischen Schriftsteller William S. Burroughs bekannt gewordenen literarischen Tradition bewegt, ist ebenso simpel wie für Überraschungen gut: Man schneidet nach Gusto Wörter aus Zeitungen, Zeitschriften und Prospekten aus, schüttet sie wahllos auf den Tisch und setzt sie ebenso wahllos zu neuen Texten zusammen. "Oft entdecke ich nachträglich einen Sinn in diesen Texten. Aber ich gehe nie mit einem Konzept im Kopf an sie heran", betont Gisela Ott-Bodinet und erklärt, irgendeine Instanz lasse sie zu genau diesen und keinen anderen Wörtern greifen: "Es ist eine völlig faszinierende Tätigkeit, bei der ich in eine Art Trance gerate. Dann gibt es nur noch mich und die Wörter."

 

Doch wie sieht so etwas in der Praxis aus? Und vor allem: "Wie hören sich die Resultate dieses ungewöhnlichen Schaffensprozesses an?"

So zum Beispiel: "Ich schenk dir Dotterblumen im Morgengrauen. Die Schönheit der inneren Stille. Nichtstun. Blütenträume. Sonnensonntag. Innere Landschaften, in denen wir uns verlieren."

Oder so: "Das Geheimnis der Stille. Zeitlose Tage. Der Schatten atmet sich ans Licht. Reise vom Denken zum Herzen. Ich liebe, also bin ich." Gisela Ott-Bodinet trägt die Prosagedichte als Erste vor, Chris Blomen-Pfaff und Andreas Seger fungieren als Echo und wiederholen sie, sodass sie über den flüchtigen Augenblick hinaus in den Köpfen der Zuhörer ihre Wirkung entfalten können. 

 

Texte voller Schönheit und Poesie, bei denen es mit Verlaub schwer fällt zu glauben, dass sie ihre Existenz einem "absichtslosen Kleben" zu verdanken haben sollen. Und ganz so ist es denn auch nicht, wie Chris Blomen-Pfaff einräumt: "Man ist ja nicht ohne Gehirn unterwegs. Oft legt man ein Wort, das man aus dem Schnipselberg herausgegriffen hat, wieder zur Seite und greift stattdessen zu einem anderen, das einen intuitiv mehr anspricht und auch besser in den Kontext passt. Aber man weiß am Anfang nie, wohin die Reise geht." Und noch etwas: "Es ist immer eine Momentaufnahme. Je nach Situation und persönlicher Stimmung können aus demselben Vorrat an Wörtern heraus ganz unter-schiedliche Texte entstehen."

 

Das spiegelt sich auch in den "federleichten Elefanten" wider. Einige der Prosagedichte seien während ihrer schweren Krebserkrankung entstanden, sagt Gisela Ott-Bodinet. Eines der beeindruckendsten davon: "Winterstürme nachts bringen Weite in mein Puppenhaus. Tod und ich sind Freunde auf Zeit. Schönheit in Bewegung. Ja zum Leben."

Aber auch "düsterzornig Politisches", wie das entsprechende Kapitel in ihrem Buch heißt, hat die Autorin verfasst oder, besser gesagt, geklebt. Zum Beispiel zum Thema Umweltzerstörung: "Die Erde brennt. Aber ihr seht nichts. Das ist kein Spiel. Zu spät.

Asche für immer. Alle Zellen wählen Herz statt Macht. Schlüssel zur Zukunft." Sie sei sprachlos gewesen, als diese Worte vor ihr gelegen hätten, berichtet Gisela Ott-Bodinet: "Ich habe gedacht: Wow, woher kommt das?"

 

Ob auf die individuelle, persönliche Situation zugeschnitten oder gesellschafts-

kritisch, fest steht in jedem Fall: Wer der Schnipselpoesie verfällt, baut eine gänzlich neue Beziehung zu Wörtern auf, gewinnt dabei nicht selten sogar ein Bewusstsein für die Bedeutung einzelner  Buch-staben, wie Ott-Bodinet den rund 15 Teilnehmern erklärt: "Zum Beispiel, wenn bei einem Wort ein Buchstabe fehlt, den man aber bräuchte, damit der Text einen bestimmten Sinn ergibt." Den Wert der Sprache im Allgemeinen und ihrer einzelnen Bestandteile im Besonderen schätzen zu lernen, ist also ein nicht ganz unwichtiger Nebeneffekt der Schnipselpoesie. 

 

Oder, wie Andreas Seger es formuliert: "Wehe, es macht dann einer das Fenster auf."

 

(Chris Blomen-Pfaff und Andreas Seger: www.kulturpuls.de)

 


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